Verursachen Medikamente zur Gewichtsabnahme Haarausfall?

Verursachen Medikamente zur Gewichtsabnahme Haarausfall?

Medikamente wie Semaglutid oder Tirzepatid, besser bekannt unter Markennamen wie Ozempic, Mounjaro und Wegovy, werden zur Behandlung von Typ-2-Diabetes oder Adipositas eingesetzt. Mit ihrer zunehmenden Verbreitung als Mittel zur Gewichtsreduktion gibt es immer mehr Berichte über Haarausfall als mögliche Nebenwirkung.

Einige Hinweise deuten darauf hin, dass Haarausfall eine mögliche Folge dieser Medikamente sein könnte, während andere das genaue Gegenteil behaupten: Sie könnten sogar förderlich für das Haarwachstum sein.

Wir gehen auf die verschiedenen Theorien ein und darauf, was die bisherige klinische Evidenz zu jeder davon sagt. Das große Ganze vorweg: Gesundheitsdienstleister betonen die Notwendigkeit weiterer Forschung, damit Patient:innen umfassend über mögliche Nebenwirkungen – einschließlich Haarausfall – informiert werden können und auftretende Probleme während der Behandlung angemessen behandelt werden.

Wie wirken Medikamente zur Gewichtsreduktion?

Semaglutid (Ozempic, Wegovy) und Tirzepatid (Mounjaro) gehören zu einer Medikamentenklasse namens GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RAs). Sie ahmen ein natürlich vorkommendes Hormon nach, um den Blutzuckerspiegel zu senken, verringern das Hungergefühl und verlangsamen die Verdauung. Dadurch essen Betroffene weniger, was den Gewichtsverlust unterstützt.

Wie häufig ist Haarausfall durch Medikamente zur Gewichtsabnahme?

Nicht häufig genug, um im Beipackzettel von Ozempic oder Wegovy aufgeführt zu sein. Bei Mounjaro ist Haarausfall jedoch als „häufige“ Nebenwirkung gelistet (kann bis zu 1 von 10 Personen betreffen). Mit der zunehmenden Nutzung dieser Medikamente werden Berichte über Haarausfall – insbesondere in sozialen Medien – jedoch lauter.

Die meisten Studien konzentrieren sich auf Nebenwirkungen, die die Lebensqualität oder die Therapietreue beeinträchtigen (wie Erbrechen oder Durchfall), und könnten Haarausfall übersehen. Dabei kann Haarausfall sehr belastend sein und sollte von Verordner:innen nicht als unwichtig abgetan werden.

Bisher haben nur wenige Studien Haarausfall gezielt als Nebenwirkung von Semaglutid oder Tirzepatid zur Gewichtsreduktion untersucht. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025, die fünf Studien mit insgesamt 2.905 Patient:innen einschloss, zeigte gemischte Ergebnisse: Drei Studien deuteten auf einen positiven Effekt auf das Haarwachstum hin, zwei berichteten über Haarausfall als Nebenwirkung. In einer großen klinischen Studie mit über 2.000 Wegovy-Anwender:innen berichteten 3 % über Haarausfall, verglichen mit 1 % in der Placebogruppe. Auch wenn diese Ergebnisse nicht eindeutig sind, deuten sie darauf hin, dass Haarausfall bei einem Teil der Patient:innen auftritt.

Telogenes Effluvium

Eine der häufigsten Ursachen für plötzlichen Haarausfall ist das telogene Effluvium – eine vorübergehende Form des Haarausfalls, die durch starken körperlichen Stress ausgelöst wird. Diese Art von „Schock-Haarausfall“ kann durch Krankheit, Geburt, Operationen … oder auch durch raschen Gewichtsverlust entstehen.

Da GLP-1-RA-Medikamente oft zu einem deutlichen Gewichtsverlust führen, kann dieser Stress den Haarzyklus stören. Diese Theorie wird durch eine Studie gestützt, in der Wegovy-Nutzer:innen mit einem Gewichtsverlust von über 20 % mehr Haarausfall berichteten als diejenigen mit geringerem Gewichtsverlust.

Ein weiterer wichtiger Auslöser für telogenes Effluvium ist Nährstoffmangel. Da diese Medikamente den Appetit reduzieren, essen manche Menschen zu wenig, um ihren täglichen Nährstoffbedarf zu decken – insbesondere, wenn Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Erbrechen auftreten. GLP-1-Medikamente verhindern zwar nicht die Nährstoffaufnahme, erleichtern jedoch eine zu geringe Kalorienzufuhr, was zu niedrigen Spiegeln wichtiger Vitamine und Mineralstoffe für das Haarwachstum führen kann (z. B. Eisen, Biotin und Zink).

Deshalb fordern Forschende eine bessere ernährungsmedizinische Betreuung von Menschen, die GLP-1-RAs einnehmen. Patient:innen nach bariatrischen Operationen (z. B. Magenbypass oder Schlauchmagen), die ähnlich schnell Gewicht verlieren, werden engmaschig überwacht und erhalten detaillierte Mikronährstoff-Empfehlungen. GLP-1-Anwender:innen erhalten diese Unterstützung meist nicht, obwohl ihr Bedarf bei stark reduzierter Nahrungsaufnahme vergleichbar sein könnte.

Hormonelle Veränderungen

Erste Hinweise deuten darauf hin, dass Abnehmspritzen Haarausfall sogar verbessern könnten. Ein Fallbericht beschreibt einen Mann, der Tirzepatid ein Jahr lang einnahm und innerhalb von sechs Monaten eine erhöhte Haardichte entwickelte. Der vermutete Mechanismus ist die Verbesserung von Zuständen, die mit Haarausfall in Verbindung stehen, wie Adipositas und Insulinresistenz. Solche Berichte sind interessant, aber keinesfalls abschließend.

Auf der anderen Seite wird diskutiert, dass der Einfluss von GLP-1-Agonisten auf den Hormonhaushalt, insbesondere auf die Schilddrüse (die eine zentrale Rolle im Haarzyklus spielt), die normale Funktion des Haarzyklus beeinträchtigen und Haarausfall verursachen könnte. Möglicherweise könnten sie auch das Risiko für androgenetische Alopezie (erblich bedingten Haarausfall) erhöhen, die selbst nach dem Absetzen der Medikamente bestehen bleiben kann.

Auch hier sind robuste klinische Studien notwendig, bevor eindeutige Schlussfolgerungen gezogen werden können.

Ist der Haarausfall dauerhaft?

Wenn der Haarausfall durch telogenes Effluvium verursacht wird, ist er in der Regel nicht dauerhaft.

Sobald der auslösende Faktor behoben ist, setzt das Haarwachstum meist wieder normal ein. Es kann bis zu 6 Monate dauern, bis neues Haar nachwächst, und noch länger, bis dies sichtbar wird. Wenn Nährstoffmängel durch eine ausgewogene Ernährung ausgeglichen sind und sich der Körper an den Gewichtsverlust angepasst hat, sollte das Haar wieder normal wachsen.

Wie lässt sich Haarausfall bei Abnehmspritzen vermeiden?

Da nicht davon ausgegangen wird, dass die Medikamente selbst direkt Haarausfall verursachen, kann es helfen, auf Folgendes zu achten:

Langsam und stetig abnehmen

Haarausfall tritt häufiger bei höheren Dosierungen und starkem Gewichtsverlust auf. So verlockend ein schneller Gewichtsverlust auch sein mag – langsames, nachhaltiges Abnehmen ist gesünder und reduziert das Risiko für Haarausfall. Extreme Kalorienrestriktionen sollten vermieden werden.

Mit medizinischem Fachpersonal sprechen

Befolgen Sie stets die Anweisungen Ihrer Ärztin oder Ihres Arztes. Regelmäßige Kontrolltermine sind wichtig, um Nebenwirkungen und Gewichtsverlauf zu überwachen und die Dosierung gegebenenfalls anzupassen.

Auf die Ernährung achten

Bei geringem Appetit sind nährstoffreiche Lebensmittel besonders wichtig, da sie auch in kleinen Portionen essenzielle Vitamine und Mineralstoffe liefern. Das unterstützt nicht nur die Haargesundheit, sondern auch Energie und allgemeines Wohlbefinden. Wenn es schwerfällt, den Nährstoffbedarf allein über die Ernährung zu decken, kann ein hochwertiges Nahrungsergänzungsmittel helfen, Defizite auszugleichen.

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